Logo the Retaiol Academy

07. Dezember 2021 | Schwerpunkt Kinderbuch

Und wenn die Zielgruppe nicht selbst kauft?

Haben Sie schon einmal versucht, einem Kind eine Aktentasche zu verkaufen? Oder einer älteren Dame eine Spielkonsole? Einem Veganer einen Wurstaufschnitt? Falls nicht, ist ja alles gut – und ansonsten heiße ich Sie herzlich willkommen in der Kinderbuchbranche. Hier gehört die Herstellung von Produkten, die nicht etwa die Zielgruppe selbst kaufen soll, zum Tagesgeschäft. Wir müssen sie wortwörtlich den strengen Eltern vermitteln, die nicht selten mit scharfem Blick und mahnendem Zeigefinger auf die Produkte deuten. Denn Kinderbücher kaufen nicht Kinder, sondern die Erwachsenen.

Die Katze im Sack

Mit diesem Problem stehen Verlage und Buchhandel nicht allein da: Auch der Spielwarenhandel, plüschige Teile der Textilindustrie und weitere Bereiche rund ums Kind kämpfen mit der klaffenden Lücke zwischen den Interessen der Zielgruppe und den Käufer:innen. Im Verlag beginnen die Herausforderungen bereits mit der Geburtsstunde des Buches. Häufig kaufen wir zunächst eine Idee; ein Exposé mit den ersten Kapiteln und dem Blick auf die Zielgerade, wo es inhaltlich hingehen soll. Schon in diesem frühen Stadium muss die Ideenschmiede Lektorat gemeinsam mit den vermarktenden Abteilungen einschätzen, wie dem Handel Verkaufsargumente gegeben und Orientierung geboten werden kann. Altersklassifizierungen, Genres, Warengruppen und auch der USP der Autorin oder des Autors und des Textes werden durchdacht: Ist der Autor mehrfacher Weltrekordhalter? Ist dem Sohn der Autorin WIRKLICH ein Pferd zugelaufen? Die gesamte Vermarktungskette wird gedanklich einmal exerziert, um kurzum zu erwägen: Wie kann der Handel dieses Buch am POS bestmöglich platzieren und den Eltern im Verkaufsgespräch nahebringen?

USP? Unerwünscht

Als Verlag sind wir die Brücke zwischen den Hersteller:innen (Autor:innen) und dem Handel, ähnlich wie es auch Spielehersteller mit lizenzierten Spielen sind. Nach dem Einkauf müssen wir den stationären Handel davon überzeugen, dass dieses Produkt nicht ungesehen im Regal stehen bleibt, sondern möglichst oft gekauft wird. Nur eben nicht von der eigentlichen Zielgruppe, sondern von den Eltern, deren Interessen nicht immer deckungsgleich mit denen der Kinder sind. Was wir im Verlag als den eigentlichen USP erachten, bleibt im Verkaufsgespräch – auch zum Bedauern des Handels – oftmals irrelevant. In unserem Fall: Das Produkt erfüllt seinen Zweck zu 100 Prozent, denn es begeistert Kinder fürs Lesen. „Fantastisch geschrieben, eine rasante Abenteuergeschichte mit einer Prise Feingefühl an den richtigen Stellen und einer ordentlichen Portion keckem Witz; Kinder werden es lieben!“, möchten wir dem Handel und der Handel den Käuferinnen und Käufern zurufen. Was ebenjene achtsame Mutter und jener vorbildliche Großvater und auch die übereifrige Tante stattdessen immer öfter wissen wollen: Hat das Buch eine wichtige Botschaft? Was lernt mein Kind beim Lesen? Sind die Illustrationen preisgekrönt? All diese Fragen sind berechtigt und die passenden Produkte verdienen ihren Platz in jedem Kinderbuchregal. Aber wenn die Vorlesestudie der Stiftung Lesen, DIE ZEIT und Deutsche Bahn auch im Jahr 2021 noch ergibt, dass rund 32% der Kinder zu Hause keine oder nur selten Impulse der Eltern durch Vorlesen oder Erzählen erhalten, dürfen diese nicht die einzigen Fragen bleiben. Mit den falschen Produkten vergeht den Kindern schnell die Lust am Lesen – und die Überzeugungsarbeit im Handel wird immer schwieriger zu leisten.

Wollen Sie Spaß haben beim Lesen, oder Ihr Kind?

Eine Kollegin und ehemalige Buchhändlerin verriet mir ihre offensive Lieblingsfrage, wenn alle Überzeugungsarbeit nichts half: „Wollen Sie Spaß haben beim Lesen, oder soll Ihr Kind Spaß haben?“ Im besten Falle kann unser Produkt beides: Auf kindgerechte Weise Wissen vermitteln und dabei unterhalten. Geben wir dem Handel diese Mischung an die Hand, ist er bestens gerüstet, im persönlichen Beratungsgespräch auch die strengste Mutter der Zielgruppe von unserem Produkt zu überzeugen. Und Kindern Wissen zu vermitteln, muss nicht immer bedeuten, dass wir ihnen ein Sachbuch über Photosynthese vorlegen. In unserem Verlag vermitteln wir in unseren Büchern auf unterhaltsame Weise Wissen über die Jahreszeiten, über das Klima, über Anderssein und Freundschaft – aber eben auch darüber, wie man gemeinsam mit einem frechen Schneemann an seiner Seite die besten Klassenstreiche spielt. Das müssen wir den Eltern ja nicht gleich erzählen …

So finden sicherlich auch Spielwarenhandel und Co. ihre Wege, Groß und Klein mit dem richtigen Produkt zu versorgen. Gehören auch Sie dazu und kämpfen mit der Diskrepanz zwischen Käufer:innen und Zielgruppe?

Wie gehen Sie damit um? Verraten Sie uns Ihre Strategie!

post@the-retail-academy.com
Unsere heutige Kolumnistin
JACQUELINE MANSTEIN

PR-Referentin Kinder- und Jugendbuch | Bastei Lübbe AG

Jacqueline Manstein verantwortet die Pressearbeit für die Kinder- und Jugendbuchverlage der Bastei Lübbe AG, eine der größten Verlagsgruppen in Deutschland. Internationale und nationale Bestsellerautoren wie Ken Follett, Dan Brown, Rebecca Gablé und Andreas Eschbach veröffentlichen zum Teil seit Jahrzehnten ihre Bücher bei Bastei Lübbe. Bevor Jacqueline Manstein zur Kölner Verlagsgruppe stieß, arbeitete sie zunächst als Journalistin und anschließend für diverse Kinder- und Jugendbuchverlage in München.

NEUE IMPULSE GESUCHT?

Unser Programm | Ausgewählte Veranstaltungen zum Thema

Was wir außerdem anbieten

Hier geht's zum Programm Weiterbildung

Noch Fragen

Anrufen: 0221 292129-20

SIE HABEN AUCH WAS ZU SAGEN?

Wir sind überzeugt, dass nur Experten mit Herzblut den Handel nach vorne bringen können. Damit alle, deren Herz für Retail schlägt, sich vernetzen können, haben wir The Retail Academy gegründet. Sie sind erfahren und haben auch eine Meinung? Lassen Sie mal hören! Beleben Sie unsere #Retailkolumne mit Ihrer Sicht auf die Dinge! Wir sind gespannt, was Sie zu sagen haben.

Wir lieben Retail. Schreiben Sie uns!

hello@retail-exp.com

Die letzten Retail-Kolumnen

Schwerpunkt New Business

Bitte mehr Big Picture Denken! – Oder: Eine Liebeserklärung an die die gute Zukunft

Jörg Reuter

Head of Food Campus Berlin

Wir stecken in einem zunehmenden Dilemma zwischen planetarer Veränderungs-Dringlichkeit und gesellschaftlichem Transformations-Burnout. Die multiplen Krisen setzen uns zu, die Weltordnung ist zunehmend fragmentiert. Die Zukunft erscheint vielen unsicher und düster.

In dieser gesellschaftlich misslichen Lage neigen wir leider auch dazu, jede Transformation zu zerreden und dass verrückterweise sowohl von denen, die die Transformation treiben wollen, also auch von denen die die Transformation stoppen wollen.

Neue Sehnsuchtsfelder bedeuten neue Marktchancen
..

mehr lesen

Früher war mehr Lametta! | Arbeitsmarkt

Früher war mehr Lametta!

Detlef Mutterer

Mitglied des Verwaltungsrats | Smyths Toys Superstores

Denken Sie auch manchmal… …früher war vieles besser!
Na, fühlen Sie sich ertappt. Kein Wunder, das geht wohl den meisten so und es gibt ja auch eine Menge wonach man sich zurücksehnen kann.
Nehmen wir mal das Thema Mitarbeiter, oh sorry, Mitarbeitende, ich war doch gerade wieder einen Moment im Früher.
Man hatte als Arbeitgeber die Möglichkeit aus einer Vielzahl von Bewerbungen auszuwählen, man konnte in gewissem Rahmen Ansprüche stellen und sogar über wesentliche Punkte der künftigen Zusammenarbeit verhandeln. Aus heutiger Arbeitgebersicht das reinste Schlaraffenland.
Aber, es gibt wie immer im Leben zwei Seiten. Wer sich vor etwa 30 Jahren selbst beworben hat musste Gas geben, auch mit gutem Ausbildungsabschluss und klarem Fokus auf das was man beruflich erreichen möchte, waren die Hürden hoch den Traumjob zu ergattern. Eine Vielzahl von Konkurrenten machte einem das Leben schwer, oft wurden Kompromisse eingegangen, um beruflich erst einmal Fuß zu fassen. Das war einmal.

mehr lesen

Wir schließen! Räumungsverkauf! Alles muss raus!

Wir schließen! Räumungsverkauf! Alles muss raus!

Christian Lindner

Business Angel, Start-up Mentor, Management Coach, Beirat

Optimismus in herausfordernden Zeiten…

Ich will nichts mehr davon hören! Mag darüber nicht mehr reden! Von 2023. Diesem Totengräberjahr der guten Stimmung bei den Konsumenten und den diese versorgenden Händlern gleichermaßen. Da wollten wir doch alle nach
den so sonderbar hinter Masken versteckten Gesichtern der schon sehr speziellen Jahre 2020-2022 solide in 2023 durchstarten. Wollten speziell im Handel die wiederkehrenden Massen an Kunden in unseren Läden begrüßen,egal ob als digitale Shopper oder von manchen noch viel dringender erhofft als Kunden aus Fleisch und Blut in den zunehmend verwaisten Läden der
Innenstädte. Nach dem Lieferkettendebakel zuvor waren zumindest die Produkte allesamt wieder da, Social Media war in der Breite als neuer Kommunikationskanal zum Kunden hin entdeckt worden und mit staatlichen Geldern aus dem kollektiven Säckel wurden sogar die Vinylböden der nochmal-
gerade-eben-so geretteten Kaufhaus-Dinos gewienert. Dann kam 2023.
Bumm! Autsch. Bauchlandung!

mehr lesen

Rückblick 2023, Schwerpunkt NEU

Rückblick 2023

Silvia Talmon

Geschäftsführerin | The Retail Experience GmbH

Das Jahr ist vorbei. Fast. Die letzten Tage und Stunden im Handel ziehen sich dahin wie Kaugummi. Oder, um bei der Überschrift zu bleiben, sind so geschmackvoll wie schaler Champagner. Was bleibt, ist die Erinnerung an das Prickeln des ersten Schluckes. Verdrängt wird der abgestandene Beigeschmack. 2023… Das Jahr hat uns mit seiner Fülle an Herausforderungen und Wendepunkten gezeigt, dass wir nur selten das bekommen, was wir erwarten. Oder gar was wir erhoffen. Der Anfang war verheißungsvoll, er schmeckte nach Aufbruch, nach Veränderung, nach Hoffnung. Alles wird besser…
Und jetzt? Keiner weiß so recht, was sich mit dem Rest im Glas anfangen lässt. Wegkippen oder runterkippen? Und dann?

mehr lesen

Einzelhandel benötigt bedeutsame Erlebnisse | Schwerpunkt Strategie

Der Einzelhandel benötigt bedeutsame Erlebnisse

Robert Thiemann

Gründer und Herausgeber I Frame Magazin

Wir sehen es schon seit Jahren: Kultur als Aktivator des
Einzelhandels. Kunstobjekte und interaktive Installationen sollen den Verkehr steigern und die Verweildauer verlängern. Und es schien zu funktionieren.Schien, denn die Traumehe zwischen Kunst
und Einzelhandel ist ernsthaft unter Druck geraten.Zum besseren Verständnis sollten wir an den Anfang zurückgehen.

mehr lesen

Schließen Sie sich über 13.000 interessierten Retailern an!

Verpassen Sie keine Retail-Kolumne mit spannenden Meinungen von Handelsexperten und Branchen-Insidern und werden Sie als Erste informiert, wenn wir wieder neue Weiterbildungen in Form von Online-Vorträgen, Workshops und Retail-Touren freischalten.

Datenschutz

Fast geschafft! Bitte bestätigen Sie Ihre Anmeldung über die E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.