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07. Juli 2020 | Schwerpunkt Haltung

Was machen wir jetzt!

Executive Creative Director | THE STORE DESIGNERS®

Unsere erste Kolumne ging vor zwei Wochen an 9.970 „echte“ Retailer raus. BÄÄHM – dachte ich. Wie wird der Markt reagieren? Wird überhaupt jemand in der aktuellen Situation öffnen, lesen und gar zurückschreiben? Noch am selben Abend bekam ich eine Antwort von einer Visual Merchandiserin. Und ich rede jetzt nicht von den üblichen Floskeln oder dem klassischen Networking. Nein, sie schrieb mir von ihrer Berufslaufbahn und ihrer persönlichen, aktuellen Job-Situation. Ich sag Ihnen, nach zwei Seiten habe ich mich hingesetzt und gedacht, F*ck, was tun wir eigentlich?!

Welche Haltung jeder hat, ist seine ganz persönliche Sache. Natürlich waren die letzten drei Monate nicht mehr nur „Change“, sondern auch „Challenge“. Aber wie jeder Einzelne damit umgeht, hat auch etwas mit Moral zu tun. Selbstverständlich war auch meine erste Reaktion am 16. März, wir müssen schnell sein, Kosten reduzieren. Aber ich habe mich ganz bewusst dagegen entschieden, als erste Maßnahme Mitarbeiter zu entlassen. Ja, Moral muss man sich leisten können. Aber was bin ich für ein Arbeitgeber, wenn ich auf einer der größten Ängste und Unsicherheiten unserer Zeit reagiere, indem ich Mitarbeiter entlasse und den Auserwählten damit noch on top den Boden unter den Füßen wegziehe? Was ist ein Mitarbeiter wert? Ich habe mich dafür entschieden, dass wir, nach den ehrlich gesagt extrem goldenen letzten fünf Wirtschaftsjahren, auch mal Haltung zeigen und abwarten bis Ruhe einkehrt. Erstmal einen Überblick bekommen, wie die Lage ist.

Ich weiß, wirtschaftlich falsch. Und ja, es macht mich auch nachdenklich, zu lesen, dass große Unternehmen Vorstandsboni auszahlen und dafür Mitarbeitergehälter runterprügeln. Viele Läden erhalten Hilfen direkt von oben oder von der Gutmensch-Nachbarschaft. Doch Solidarität hört an den Ladentüren auf, denn Konzerne und Händler kappen die Versorgung „nach unten“ – zur Zulieferindustrie des Handels. Und trotzdem töne ich nicht über Adidas, BMW oder Lufthansa. Weil ich, wie übrigens 99% aller Deutschen, faktisch nicht beurteilen kann, was im Hintergrund wirklich passiert.

Ein beliebtes Bashing-Opfer ist die Marke H&M. Das reicht so weit, dass es ganze Filmproduktionen darüber gibt, wie schlimm es ist, für H&M zu arbeiten. Aber wussten Sie, dass H&M die Kurzzeitzahlungen ihrer Mitarbeiter aufstockt? Dies zumindest hat mir eine zuversichtliche VMlerin von H&M erzählt, die nur darauf wartet, dass es wieder voll los geht und sie mit großen Arbeitswillen zurück auf die Fläche kann. Dass das ein oder andere bei H&M aus Sicht eines Mitarbeiters vielleicht doch katastrophal läuft, ist sicherlich der Fall. Letztendlich ist es auch immer eine Frage, wie sehr der einzelne Mitarbeiter seinen Arbeitgeber zu schätzen weiß. Wie immer beruht es am Ende auf Kommunikation und Gegenseitigkeit.

Aber eines weiß ich mit Gewissheit: Niemand hat das Glaskugellesen professionell gelernt und keiner weiß, was uns die nächsten Jahre im Handel wirklich erwartet. Deshalb ist es umso wichtiger, eine grundsätzliche Haltung zu haben. Und nein, ich bin nicht der Papst. Auch ich werde Mitarbeitern traurige Nachrichten überbringen, wenn sich die Situation in den kommenden Monaten nicht ändern wird und es sein muss. Ich bin nicht naiv oder idealistisch, aber am Ende ist und bleibt es eine Frage der Moral, wie wir alle im Handel miteinander umgehen wollen. Und was der Mitarbeiter – übrigens genauso wie die Führungsebene und die Marke – nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Zeiten wert ist.

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Denken Sie auch manchmal… …früher war vieles besser!
Na, fühlen Sie sich ertappt. Kein Wunder, das geht wohl den meisten so und es gibt ja auch eine Menge wonach man sich zurücksehnen kann.
Nehmen wir mal das Thema Mitarbeiter, oh sorry, Mitarbeitende, ich war doch gerade wieder einen Moment im Früher.
Man hatte als Arbeitgeber die Möglichkeit aus einer Vielzahl von Bewerbungen auszuwählen, man konnte in gewissem Rahmen Ansprüche stellen und sogar über wesentliche Punkte der künftigen Zusammenarbeit verhandeln. Aus heutiger Arbeitgebersicht das reinste Schlaraffenland.
Aber, es gibt wie immer im Leben zwei Seiten. Wer sich vor etwa 30 Jahren selbst beworben hat musste Gas geben, auch mit gutem Ausbildungsabschluss und klarem Fokus auf das was man beruflich erreichen möchte, waren die Hürden hoch den Traumjob zu ergattern. Eine Vielzahl von Konkurrenten machte einem das Leben schwer, oft wurden Kompromisse eingegangen, um beruflich erst einmal Fuß zu fassen. Das war einmal.

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