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13. April 2021 | Schwerpunkt Digital vs. Analog

VON ANALOG ZU DIGITAL UND ZURÜCK

Gestalter, Typograph, Autor

Die heutige Generation von Handwerkern, Gestaltern, Marketingleuten und Betriebswirten ist mit dem Internet und digitalen Geräten aufgewachsen. Sie sind sowohl im Beruf als auch privat voll vernetzt. Nachdem die Digitalisierung und der Erwerb der damit verbundenen und erforderlichen Geräte und Fähigkeiten viel Zeit, Geld und Aufmerksamkeit beansprucht hat, ist nun ein Plateau erreicht. Ein ebener Zustand also, der Gelegenheit bietet, Bestand aufzunehmen und über den weiteren Weg nachzudenken.

Die Bewegung zurück zum Analogen ist eine der Folgen dieses Innehaltens. Wir beginnen zu begreifen, dass digitale Prozesse keine Selbstzwecke sind, sondern unser Leben in einer zwangsläufig analogen Welt verbessern sollten. Die Natur wird immer aus Atomen anstatt aus Bits bestehen. Im Internet der Dinge kommen beide Welten zusammen. Wenn wir die Chancen nutzen wollen, die diese Entwicklung bietet, müssen wir in beiden Welten firm sein. Plötzlich ist daher das Interesse vieler in der digitalen Wirtschaft tätiger Menschen wieder konkreten handwerklichen Fertigkeiten zugewandt. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun oder praxisferner Freizeitbeschäftigung. Aber etwas jenseits einer Tastatur anzufassen heißt auch etwas zu schaffen, das nicht in einem verborgenen System aus Nullen und Einsen besteht, sondern das auch sinnlich zu begreifen ist.

Inzwischen wissen wir, dass unser Gehirn sehr wohl weiß, wie wir was in welchem Medium lesen. Ein Buch fühlt man, riecht man, berührt man. Es hat einen Pause-Knopf. Lesen im Internet hingegen treibt uns von einem zum nächsten – wir wollen immer mehr, behalten aber immer weniger. Was wir anfassen, „begreifen” wir schneller und behalten es länger, weil es unsere Erinnerung mit einem Raum verbindet und nicht nur mit den zwei Dimensionen des Scrollens und Wischens.

Im Umgang mit Software sind wir Gefangene des „Soforts“. Alles ist sofort und überall verfügbar (vorausgesetzt der Akku ist geladen), nichts muss man sich wirklich erarbeiten. Ergo gibt es auch keine Befriedigung, etwas erreicht zu haben.

Schiller (!) schreibt in seinen Briefen »Über die ästhetische Erziehung des Menschen« schon 1793, also nach der Französischen, aber noch vor der Industriellen Revolution, dass die Menschen durch Arbeitsteilung und Spezialisierung entfremdet seien. Der Mensch wird „zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft“. Der Theoretiker hat ein „kaltes Herz“, weil er das Ganze zergliedert und damit der emotionalen Wirkung beraubt wird, während der Geschäftsmann ein „enges Herz“ hat, denn er kann über seinen Horizont nicht hinausschauen und das Ganze nicht sehen. Durch „Schönheit“ kann die „Harmonie“ wiederhergestellt werden zwischen dem Abstrakten und dem Emotionalen. Für einen Bäcker kann das ein selbstgebackenes Brot sein, für den Schuhmacher der genähte Schuh und für den Setzer eine handgesetzte Zeile. Der Spieltrieb gibt uns die Kraft zurück, die uns die entfremdete Arbeit geraubt hat.

Wieder gut machen

Kurse für Handsatz und Buchdruck werden gebucht von Softwarefirmen, die ihren Codern und Interface-Designern Bodenhaftung vermitteln wollen. Durch die Pandemie sind handwerkliche Kurse natürlich ausgefallen, aber umso mehr werden sie vermisst. In unserer Werkstatt vertrösten wir Anfragende auf die Zeit post Covid und rechnen mit einem Ansturm.

Eine Bäckerei in Berlin-Mitte backt dort im Laden Brot und Brötchen, die wieder nach etwas schmecken. Die Leute stehen Schlange – für Brot! Inzwischen hat der Laden drei Filialen und allenthalben gibt es wieder Bäcker, deren Brot teurer ist als das aus den Backfabriken, das aber nach Getreide schmeckt anstatt nach künstlichen Aromen. Meine Schuhmacherei in Kreuzberg tut sich schwer, ausgebildete Kollegen oder Kolleginnen zu finden, die die Nachfrage nach handgefertigten Schuhen bedienen können. Viele Programmierer und Designer in den unzähligen Digital-Agenturen in Berlin fahren mit dem selbstgebauten Fahrrad ins Büro. Sie veranstalten interne „Maker Days“, bei denen sie neben kleinen digitalen Spielereien auch altmodische Espressomaschinen und Fahrräder reparieren. Dabei sind das keine Bilderstürmer oder Nostalgiker, sondern sie leben das Internet der Dinge, indem sie digitale Mittel nutzen, um analoge Gegenstände herzustellen. Bei meiner Kieferoperation neulich setzte die Ärztin eine mit einem 3-D-Drucker hergestellte Bohrschablone ein – ein kleines, unscheinbares und billiges Werkzeug, das Zeit sparte und Schmerzen vermied. Beim Bäcker mag sich das Digitale auf den Onlineshop beschränken, während der Schuhmacher die Leisten seiner Kunden als 3-D-Scan abnimmt und auf einem 3-D-Drucker „printed”. Die Schuhe näht er dann von Hand um diese Leisten.

Ideologische Vorbehalte habe ich unter diesen Kollegen nicht erfahren – im Gegenteil, die Zusammenarbeit über traditionelle Grenzen der alten Zünfte hinweg sind üblich und fruchtbar. Die meisten dieser neuen Macher-Unternehmen haben klein angefangen, im Keller das erste Bier gebraut oder in einer kleinen Ladenwohnung Möbel geschraubt. Oft hat es sie nach dem ersten Wachstumsschritt in die Randbezirke verschlagen, weit ab von ihren Kunden, Mitarbeitern und Auftraggebern. Die digitale Kreativwirtschaft hat sich derweil in Clustern organisiert. Ein breiter Streifen mit ehemaligen Fabriketagen und Gewerberäumen, in denen früher auch Späne gehobelt, Farben gemischt, Gewinde geschnitten und Teig geknetet wurde, zieht sich quer durch Berlin. Heute sitzen dort Kreativschaffende jeder Couleur in Agenturen, Ateliers und Büros vor ihren Bildschirmen.

Diese Kreativwirtschaft basiert auf digitalen Werkzeugen und schafft größtenteils wiederum digitale Produkte. Nun bekommt diese Szene ein analoges Standbein. Es gibt viele Verbindungen und Überschneidungen zwischen beiden, denn sowohl viele Gründer und Macher als auch die Konsumenten kommen aus kreativen Berufen oder liefern diesen zu. Die Kreativen sind bekanntlich immer den Entwicklungen etwas voraus. Extrapolieren wir diese Szenarien in die nahe Zukunft, dann heißt die Devise (natürlich auf Denglisch): Analog is dead, long live Analog!

Oder etwas wissenschaftlicher ausgedrückt:
Das Analoge ist die conditio sine qua non des Digitalen.

Wie erleben Sie diesen Scheinwiderspruch? Schreiben Sie mir!

Unser heutiger Kolumnist
Erik Spiekermann
Gestalter, Typograf, Autor Erik Spiekermanns grafische Identitäts- und Designarbeit ist seit den 1970er Jahren ein distinktiver Teil der visuellen Welt. Als Gründer von »MetaDesign« und »Edenspiekermann« gab er unter anderem dem ÖPNV Berlins, der Deutschen Bahn, dem »Economist« und Unternehmen wie Audi, Volkswagen und Bosch ein unverwechselbares Erscheinungsbild. Seine Arbeiten wurden mit den prestigeträchtigsten Preisen Europas ausgezeichnet, nicht zuletzt ernannte ihn die britische Queen zum Royal Designer for Industry. Bis heute ist er eine zentrale Figur der deutschen und internationalen Designszene.
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Denken Sie auch manchmal… …früher war vieles besser!
Na, fühlen Sie sich ertappt. Kein Wunder, das geht wohl den meisten so und es gibt ja auch eine Menge wonach man sich zurücksehnen kann.
Nehmen wir mal das Thema Mitarbeiter, oh sorry, Mitarbeitende, ich war doch gerade wieder einen Moment im Früher.
Man hatte als Arbeitgeber die Möglichkeit aus einer Vielzahl von Bewerbungen auszuwählen, man konnte in gewissem Rahmen Ansprüche stellen und sogar über wesentliche Punkte der künftigen Zusammenarbeit verhandeln. Aus heutiger Arbeitgebersicht das reinste Schlaraffenland.
Aber, es gibt wie immer im Leben zwei Seiten. Wer sich vor etwa 30 Jahren selbst beworben hat musste Gas geben, auch mit gutem Ausbildungsabschluss und klarem Fokus auf das was man beruflich erreichen möchte, waren die Hürden hoch den Traumjob zu ergattern. Eine Vielzahl von Konkurrenten machte einem das Leben schwer, oft wurden Kompromisse eingegangen, um beruflich erst einmal Fuß zu fassen. Das war einmal.

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