September 2026 | Schwerpunkt strategisches Geschäftsmodell
GESCHÄFTSMODELL VOR TECHNOLOGIE
Warum ich mit dem Begriff Transformation zunehmend Probleme habe
Kaum ein Begriff wird heute häufiger verwendet als Transformation. Und trotzdem habe ich zunehmend das Gefühl, dass wir dabei über das Falsche sprechen. Fast jedes Unternehmen transformiert sich gerade. Es gibt Transformationsprogramme, Transformation Offices und Transformation Manager.
Manchmal habe ich das Gefühl, Transformation ist selbst zum Geschäftsmodell geworden. Dabei ist die eigentliche Frage für mich eine ganz andere. Vor einigen Wochen wurde ich auf einem Panel gefragt, wie Unternehmen ihre Transformation beschleunigen können. Meine Antwort hat den Moderator vermutlich etwas irritiert.
Ich glaube nämlich gar nicht, dass Unternehmen mehr Transformation brauchen. Ich glaube, sie brauchen bessere Unternehmensführung. Für mich bedeutet gute Unternehmensführung, das eigene Geschäftsmodell kontinuierlich weiterzuentwickeln. Immer. Nicht erst dann, wenn der Druck so groß geworden ist, dass wir ein Programm aufsetzen.
Vielleicht ist das sogar mein größter Gedankenunterschied zu vielen Diskussionen, die ich heute erlebe. Je größer die notwendige Transformation heute ist, desto länger wurde die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells unterschätzt.
Das ist kein Vorwurf. Unser Alltag ist voll. Das operative Geschäft fordert uns permanent. Genau deshalb passiert es so leicht. Unternehmen verändern sich nicht alle fünf Jahre. Sie verändern sich jeden Tag. Oder sie werden irgendwann vom Markt verändert.
KI verändert mehr als Technologie
Mich beschäftigt gerade besonders die Diskussion rund um Künstliche Intelligenz. Nicht, weil KI einfach nur die nächste Technologie ist. Sondern weil sie etwas Grundlegendes verändert.
Zum ersten Mal passt sich Technologie unserer Sprache an und nicht mehr wir uns ihrer Logik. Das klingt zunächst nach einer technischen Entwicklung. Ich glaube aber, dass es viel größer ist. Denn wenn sich die Interaktion zwischen Mensch und Technologie verändert, verändern sich zwangsläufig auch Geschäftsmodelle.
Genau jetzt.
Die eigentliche Managementaufgabe beginnt erst danach
Sobald wir über neue Technologien sprechen, springen wir erstaunlich schnell zu den Lösungen. Wir diskutieren KI, Omnichannel oder Plattformen. Aber häufig fehlt mir vorher eine andere Diskussion.
Was bedeutet diese Entwicklung eigentlich für unser Geschäftsmodell?
Denn Technologie verändert keine Unternehmen. Sie verändert die Möglichkeiten von Unternehmen. Und genau darin liegt aus meiner Sicht die eigentliche Führungsaufgabe.
Gerade im Handel werden wir in den kommenden Jahren mehr Möglichkeiten haben als jemals zuvor. KI, Robotik, Agentic Commerce oder neue Plattformmodelle werden unseren Handlungsspielraum massiv erweitern. Aber kaum ein Unternehmen wird die Ressourcen haben, alles gleichzeitig zu tun.
Strategie heißt auch, bewusst Nein zu sagen
Strategie bedeutet nicht, möglichst viele Möglichkeiten zu nutzen. Strategie bedeutet zu entscheiden, welche Möglichkeiten das eigene Geschäftsmodell wirklich stärker machen, und auf alles andere bewusst zu verzichten. Erst wenn diese Richtung klar ist, kommt für mich die nächste Frage.
Welche Fähigkeiten brauchen wir künftig?
Ich glaube nämlich nicht, dass Technologien Wettbewerbsvorteile schaffen. Der Unterschied entsteht dort, wo Unternehmen neue technologische Möglichkeiten schneller als andere in ein besseres Geschäftsmodell übersetzen und die Fähigkeiten aufbauen, dieses erfolgreich umzusetzen.
Die Reihenfolge macht den Unterschied.
Deshalb beginne ich Transformationsdiskussionen heute mit anderen Fragen als noch vor einigen Jahren. Es geht viel weniger um die Frage:
Welche Technologie brauchen wir? Sondern viel mehr um:
Was verändert sich gerade an unserem Geschäft? Und erst danach:
Welche Fähigkeiten müssen wir aufbauen, um in dieser neuen Realität erfolgreicher zu sein?
Ich beobachte immer wieder, dass Unternehmen beginnen, Lösungen zu professionalisieren, bevor sie entschieden haben, welche Fähigkeiten ihr Geschäftsmodell künftig überhaupt braucht. Für mich ist die Reihenfolge deshalb elementar.
Erst das Geschäftsmodell. Dann die Fähigkeiten. Dann die Technologie.
Vielleicht ist genau das für mich Transformation.
Unser heutige Kolumnistin
Ines von Jagemann
Geschäftsführerin Digitales, Technologie und HR | Hagebau
Seit vielen Jahren gestaltet Ines von Jagemann die Weiterentwicklung von Handelsunternehmen in Phasen tiefgreifender Veränderung. Nach Führungspositionen unter anderem als CEO von Lidl Digital sowie Vorständin der Tchibo GmbH verantwortet sie heute als Geschäftsführerin der hagebau die Bereiche Digitales, Technologie und Personal.
Ihr Fokus liegt auf der Weiterentwicklung digitaler Geschäftsmodelle, der Verbindung von Technologie und unternehmerischer Wertschöpfung sowie der Frage, wie Organisationen in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen wettbewerbsfähig bleiben. Darüber hinaus ist sie als Aufsichtsrätin tätig und bringt ihre Erfahrungen regelmäßig in Vorträgen, Panels und Fachbeiträgen zu Strategie, Führung und Transformation ein.
NEUE IMPULSE GESUCHT?
Unser Programm | Ausgewählte Veranstaltungen
Was wir außerdem anbieten
Hier geht's zum Programm Weiterbildung
Noch Fragen
Anrufen: 0221 292129-20
SIE HABEN AUCH WAS ZU SAGEN?
Wir sind überzeugt, dass nur Experten mit Herzblut den Handel nach vorne bringen können. Damit alle, deren Herz für Retail schlägt, sich vernetzen können, haben wir The Retail Academy gegründet. Sie sind erfahren und haben auch eine Meinung? Lassen Sie mal hören! Beleben Sie unsere #Retailkolumne mit Ihrer Sicht auf die Dinge! Wir sind gespannt, was Sie zu sagen haben.
Wir lieben Retail. Schreiben Sie uns!



