Juli 2026 | Schwerpunkt der Einzelhandel als Arbeitgeber
DER EINZELHANDEL – EIN LEISTUNGSSTARKER ARBEITGEBER AUCH IN ZUKUNFT
Der Einzelhandel ist weit mehr als eine Wirtschaftsbranche. Er ist für drei Millionen Menschen Arbeitsplatz, berufliche Heimat und täglicher Begegnungsort. Es handelt sich nicht nur um die drittgrößte Wirtschaftsbranche des Landes – gemeinsam mit ihren Beschäftigten versorgen die Handelsunternehmen die Bevölkerung auch in Krisenzeiten zuverlässig mit Waren des täglichen Bedarfs. Zugleich schafft die Branche Arbeits- und Karriereperspektiven in Städten ebenso wie in ländlichen Regionen. Der Einzelhandel ist damit eine tragende Säule unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.
Für mich ist genau das der Kern unserer Branche: der direkte Kontakt. Wer im Handel arbeitet, weiß: Es sind die unzähligen täglichen Begegnungen, die ehrliche Beratung und das Vertrauen der Kundschaft, die unseren Beruf nicht nur abwechslungsreich, sondern auch sinnstiftend machen.
Die technologische Transformation: Omnichannel und KI als Branchenmotor
Gleichzeitig stehen wir mitten in einem umfassenden Transformationsprozess. Künstliche Intelligenz spielt eine zunehmende Rolle im Einzelhandel und gewinnt täglich an Bedeutung, zum Beispiel durch die immer häufigere Einbindung von KI-Lösungen in den Kaufprozess. Schon heute nutzen 35 Prozent der Menschen in Deutschland KI zur Recherche beim Kauf von Produkten. Für die Händlerinnen und Händler bedeutet das, dass sich die Sichtbarkeit im digitalen Handel grundlegend verschiebt.
Zur wichtigen Anwenderbranche von KI ist der Einzelhandel sowohl stationär als auch online geworden – von Warenverfügbarkeit und Logistik über Kundenservice und Betrugserkennung bis hin zu personalisierten Angeboten und neuen Formen des KI-gestützten Einkaufens. Künftig werden KI-Agenten Produktsuche, Beratung, Auswahl und auch Kaufentscheidungen beeinflussen. Die Ladengeschäfte müssen wiederum ihre Konzepte stetig anpassen, um das Einkaufserlebnis für die Kundinnen und Kunden besonders zu machen. Entsprechend verändert sich auch das Stellenprofil im Einzelhandel und bietet für junge Menschen völlig neue Möglichkeiten. Wir entwickeln uns damit weiter in Richtung Technologiebranche. Das Faszinierende daran ist für mich: Die intelligenten Systeme im Hintergrund schaffen unseren Teams im Laden genau den Freiraum, den sie für eine gute, persönliche Kundenberatung brauchen.
Karrierechancen: Eine Branche für Macher und Gründer
Dabei bleibt der Einzelhandel einer der größten Arbeitgeber und Ausbilder Deutschlands und wird auch künftig vielfältige Beschäftigungs- und Karrierechancen bieten. Der Handel ist eine Branche der Chancen und bietet gute und schnelle Karrieremöglichkeiten. Viele Führungskräfte haben ihre Laufbahn einst an der Kasse, im Lager oder auf der Verkaufsfläche begonnen. Wer Einsatz zeigt, Verantwortung übernimmt und Freude am Umgang mit Menschen hat, kann hier seinen eigenen Karriereweg gestalten. Dass 80 Prozent unserer heutigen Führungskräfte ganz klassisch mit einer Ausbildung in den Beruf gestartet sind, ist eine Zahl, auf die wir in der Branche zu Recht stolz sein können. Sie beweist, dass Leistung bei uns nach wie vor den Weg nach oben ebnet.
Der Handel bietet zudem Raum zur Verwirklichung unternehmerischer Lebensträume. Viele erfolgreiche Geschäfte beginnen mit einer Idee, viel Leidenschaft und dem Mut, etwas Eigenes aufzubauen. Dazu gehören zum Beispiel kleine Boutiquen, Popup-Stores oder Vintage-Shops, aber auch viele der heute großen Unternehmen haben einmal klein angefangen. Genau das macht unsere Branche aus: große Chancen und vielseitige Aufstiegsmöglichkeiten.
Die Herausforderung der Nachwuchsgewinnung
Doch all diese Karriere- und Gründungschancen können in der Praxis nur dann greifen, wenn es uns gelingt, die nächste Generation für den Handel zu begeistern. Das Fundament hierfür ist und bleibt die betriebliche Ausbildung. In einer aktuellen HDE-Umfrage unter rund 300 Handelsunternehmen bewerteten mehr als 90 Prozent der Befragten die Ausbildung als unverzichtbar für die eigene Fachkräftesicherung und als wichtigen Beitrag gesellschaftlicher Verantwortung. Gleichzeitig berichten 63 Prozent von Schwierigkeiten bei der Gewinnung geeigneter Auszubildender. Es ist aus meiner Sicht sehr bedauerlich, dass so viele junge Menschen diese Chancen für sich noch nicht erkennen und uns zunehmend die passenden Bewerberinnen und Bewerber fehlen. Entsprechend groß ist die Lücke zwischen angebotenen und tatsächlich besetzten Ausbildungsplätzen: Nur etwas mehr als ein Viertel der befragten Unternehmen konnte im letzten Ausbildungsjahr alle Ausbildungsplätze besetzen. Mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen konnte hingegen keinen einzigen Ausbildungsplatz vergeben – trotz vorhandener Ausbildungsbereitschaft.
Hinzu kommt, dass viele Unternehmen die Qualität der Bewerbungen kritisch bewerten. Das deutet auf ein strukturelles Passungsproblem am Übergang Schule-Beruf hin. Aus Sicht der Unternehmen fehlen Bewerberinnen und Bewerbern häufig grundlegende Kompetenzen, die für einen erfolgreichen Ausbildungsstart notwendig sind. Die berufliche Orientierung vieler junger Menschen und ihre Vorstellungen vom Ausbildungsberuf haben häufig jedoch nur wenig mit den Tatsachen zu tun. Entsprechend zählen unzureichende schulische Qualifikationen und unrealistische Erwartungen an den Beruf zu den größten Hindernissen bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen, deutlich vor konjunkturellen Faktoren oder Kostenaspekten. Die Unternehmen zeigen eine hohe Bereitschaft zur Ausbildung und Übernahme. Diese kann jedoch nur erfolgreich umgesetzt werden, wenn geeignete Bewerberinnen und Bewerber zur Verfügung stehen und Ausbildungsverhältnisse stabil verlaufen.
Freiräume für Innovation: Worauf es für sichere Arbeitsplätze jetzt ankommt
Wie sicher die Ausbildungs- und Arbeitsplätze im Handel künftig sein werden, hängt maßgeblich davon ab, ob die Politik unserer Branche ausreichend unternehmerische Spielräume lässt. Denn nur wo Freiräume existieren, kann Innovation entstehen. Und Innovation bedeutet in unserer Branche ständigen Wandel im positivsten Sinne: Es entstehen völlig neue Tätigkeiten und Berufsbilder, frische Facetten der Innenstadtentwicklung und damit auch in Zukunft vielseitige Anreize, im Handel zu lernen und zu arbeiten.
Damit der Einzelhandel dieser Rolle als Innovationsmotor und Jobgarant gerecht werden kann, braucht es neben der Sicherung unternehmerischer Freiheit auch eine substanzielle Senkung des in den letzten Jahren stark gestiegenen Kostendrucks. Attraktive Arbeitsverhältnisse kosten Geld. Wenn den Unternehmen durch immer höhere Abgaben der finanzielle Spielraum genommen wird, steht ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und damit ihr zukunftsgerichtetes Engagement für Ausbildung und sichere Arbeitsplätze auf dem Spiel. Das wäre ein großer Verlust – für unsere Branche im Allgemeinen und ganz konkret für tausende junge Menschen, denen vielseitige Chancen auf eine erfolgreiche berufliche Zukunft vorenthalten bleiben könnten.
Fazit
Im Handel arbeiten Macherinnen und Macher, die Lust auf Zukunft haben. Sie sind es, die die Transformation gestalten, unsere Innenstädte pulsierend halten und der nächsten Generation berufliche Heimat sind. Mein Appell ist daher klar: Damit der Handel diese Rolle auch in Zukunft erfolgreich ausfüllen kann, darf diese Lust auf Zukunft nicht abgewürgt werden. Es braucht politische Rahmenbedingungen, die Unternehmertum fördern und Beschäftigung langfristig sichern.
Unser heutiger Kolumnist
Stefan Genth
Hauptgeschäftsführer I HDE
Stefan Genth ist seit 2007 Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), der Spitzenorganisation des deutschen Einzelhandels. In dieser Funktion vertritt er auf nationaler und europäischer Ebene die Interessen der gesamten Einzelhandelsbranche.
Der HDE ist Stimme und Sprachrohr des deutschen Einzelhandels – in Deutschland, Europa und weltweit. Der Einzelhandel ist mit 300 000 Unternehmen und einem Umsatz von rund 670 Milliarden Euro nach Industrie und Handwerk die drittgrößte Wirtschaftsbranche. Als Spitzenverband der Branche vertritt der HDE die Interessen des Handels gegenüber der Politik, anderen Wirtschaftsbranchen und der Öffentlichkeit und wird durch ein flächendeckendes Netzwerk von Landes- und Regionalverbänden unterstützt. Als Arbeitgeberverband gestaltet der HDE gemeinsam mit dem Sozialpartner aktiv die Beschäftigungsbedingungen in der Branche. Binnennachfrage und privater Konsum tragen in zunehmendem Maße zum Wirtschaftswachstum in Deutschland bei, während der Wettbewerb im Handel für stabile Verbraucherpreise sorgt. Tagtäglich kaufen 50 Millionen Verbraucher im deutschen Einzelhandel ein – im Supermarkt und beim Gemüsehändler, im Kaufhaus und im Internet, im Fachhandel und im Shoppingcenter.
Stefan Genth ist zudem Vizepräsident des europäischen Dachverbandes EuroCommerce und Vorstandsmitglied des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln).
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