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oktober 2026 | Schwerpunkt mut zur imperfektion

perfektion ist stillstand. Nur in schön.

Perfektion ist häufig nichts anderes als Verunsicherung, verpackt in einer sehr smarten PowerPoint. 

Ja, ich weiß. Harte These.

Vor allem von einer Retail-Strategin, die ihr Geld damit verdient, Dinge bis ins letzte Detail zu durchdenken. 

Ich mag funktionierende Lösungen. Klare Konzepte, durchdachte Abläufe, stimmige Räume und Präsentationen, bei denen auch die letzte Schriftgröße ordentlich definiert ist.  Was ich weniger mag: halbfertige Ideen, lauwarme Kompromisse und Dinge, die sichtbar noch nicht zu Ende gedacht wurden. 

Meine innere Ästhetik möchte dann sofort eingreifen, aufräumen und alles so lange überarbeiten, bis es richtig ist. Meine innere Unternehmerin weiß inzwischen: Genau das kann der schnellste Weg in den Stillstand sein. 

Denn während wir noch an der perfekten Lösung arbeiten, hat sich die Welt draußen längst weitergedreht. 

Unternehmen wissen, dass sie etwas verändern müssen. 

Prozesse sind zu langsam, Systeme veraltet, Kundenbedürfnisse haben sich verschoben und die Mitarbeitenden fragen sich seit Monaten, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Also wird analysiert. Denkt man. 

Wäre auch gut. Aber in Wahrheit hat kaum noch jemand die Zeit, die Lust oder vor allem die Konzentrationsfähigkeit, sich wirklich in Fakten zu vertiefen. Also werden Arbeitsgruppen gegründet. Denn Meetings können wir nach wie vor. Ähnlich zuverlässig funktioniert nur noch die CC-Kultur im E-Mail-Postfach. 

Dann werden Lenkungskreise einberufen, Präsentationen gebaut, Strategiepapiere entwickelt und die Ergebnisse zurück in die Arbeitsgruppen gegeben. 

Irgendwann liegen 127 Seiten Zukunft auf dem Tisch, 14 Personen haben ihre Freigabe erteilt und trotzdem weiß kein Mensch, was am Montagmorgen konkret anders gemacht werden soll. Und zwar auf der Fläche. Da, wo täglich verkauft wird. 

Aber die Präsentation sieht fantastisch aus. 

Ich habe nichts gegen gründliche Vorbereitung. Im Gegenteil. Sie ist Teil meiner Lebensdevise. Genauso wie die 80/20-Regel. 

Veränderung ohne ehrliche Bestandsaufnahme ist meistens nur hektische Betriebsamkeit mit neuem Namen. 

Aber Arbeitsgruppen können auch eine ziemlich elegante Ausrede sein. 

Solange wir noch prüfen, bewerten, abstimmen und nachschärfen, müssen wir keine Entscheidung treffen. Niemand kann etwas falsch machen. Und vor allem muss niemand Verantwortung für eine Lösung übernehmen, die vielleicht nicht sofort funktioniert. 

Perfektion schützt dann nicht mehr die Qualität. 

Sie schützt die Entscheidungsvermeider. 

Und genau an diesem Punkt muss aus Denken endlich Handeln werden. 

Das Problem: Veränderung sieht während ihrer Entstehung selten besonders sexy aus. Sie ist widersprüchlich, unbequem und manchmal chaotisch. Menschen stellen kritische Fragen. Zuständigkeiten verschieben sich. Dinge funktionieren beim ersten Versuch nicht. 

Und plötzlich zeigt sich, dass die Idee, die in der Präsentation noch so wunderbar logisch aussah, im Alltag eine entscheidende Kleinigkeit übersehen hat. Die Realität ist leider nicht verpflichtet, sich an unsere PowerPoint zu halten. 

Viele Unternehmen reagieren darauf mit zwei Extremen. 

Die einen sagen: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Die anderen rufen: „Wir brauchen jetzt KI!“ Irgendwas mit KI. 

Hauptsache, es sieht nach Zukunft aus. 

Beides ist erstaunlich bequem. Die einen versichern den Stillstand. Die anderen kaufen sich das Gefühl von Fortschritt. Im schlimmsten Fall wird einfach das bestehende Chaos digitalisiert. 

Es bleibt Chaos. Nur schneller, teurer und mit Dashboard. 

Dabei beginnt echte Veränderung weder mit Stillstand noch mit einem Tool: Sie beginnt mit Ehrlichkeit. 

Wo stehen wir tatsächlich? Welche Prozesse funktionieren und welche beschäftigen Menschen einfach nur? Was brauchen unsere Kunden wirklich? Und welche Konsequenzen sind wir bereit, aus den Antworten zu ziehen? 

Die letzte Frage ist meistens die unangenehmste. 

Denn Erkenntnisse sind wunderbar, solange sie nichts verändern. 

Schwierig wird es erst, wenn wir Budgets verschieben, Verantwortlichkeiten verändern, liebgewonnene Projekte beenden oder uns eingestehen müssen, dass etwas, das über Jahre erfolgreich war, heute nicht mehr trägt. 

Genau hier zeigt sich Veränderungsfähigkeit. 

Nicht darin, sofort die perfekte Lösung zu kennen. Sondern darin, einen sinnvollen ersten Schritt zu gehen, zu beobachten, zu lernen und den nächsten Schritt anzupassen. 

Ausprobieren bedeutet nicht, planlos zu handeln. Pragmatismus ist schließlich nicht das kleine, etwas ungepflegte Geschwisterkind der Strategie. Richtig verstanden bringt er die Strategie überhaupt erst ins echte Leben. 

Dafür braucht Führung heute vor allem gute Nerven, Neugier und eine Kommunikationskultur, die kritische Fragen nicht als Majestätsbeleidigung wertet. 

Mitarbeitende müssen verstehen, warum eine Veränderung notwendig ist. Sie müssen wissen, was von ihnen erwartet wird. Und sie sollten sagen dürfen, wenn etwas in der Praxis nicht funktioniert. Auch dann, wenn die verantwortliche Führungskraft ihre Idee persönlich ganz großartig findet. 

Nicht jede Kritik ist Widerstand. Manchmal ist sie schlicht Erfahrung. 

Vielleicht hat die Person, die Bedenken äußert, nicht grundsätzlich ein Problem mit Veränderung. Vielleicht hat sie nur als Einzige verstanden, dass das neue System auf der Fläche nicht funktioniert. 

Zuhören wäre dann kein Zeichen von Schwäche. Sondern von Intelligenz. 

Und nicht jedes Provisorium ist ein Zeichen mangelnder Professionalität. Manchmal ist es ein Test, aus dem eine sehr gute Lösung entstehen kann. Das muss ich mir als Retail-Strategin gelegentlich selbst sagen. 

Natürlich möchte ich am liebsten, dass alles beim ersten Mal funktioniert, perfekt aussieht und niemand hinterher die sorgfältig ausgewählte Wandfarbe infrage stellt. 

Tut es aber nicht. 

Menschen sind nicht perfekt. Organisationen ebenso wenig. Und Transformation schon gar nicht. 

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Veränderung wie einen fertigen Raum zu betrachten, den man irgendwann mit Champagner und sorgfältig ausgewählten Häppchen feierlich eröffnet. 

Transformation ist eine Baustelle im laufenden Betrieb. 

Manchmal ist es laut. Manchmal fehlt etwas. Manchmal wurde falsch gemessen.  

Das ist lästig. 

Aber noch lästiger ist eine Baustelle, auf der seit Monaten niemand mehr arbeitet, weil der finale Entwurf noch nicht freigegeben wurde. 

Entscheidend ist nicht, dass die Baustelle immer perfekt aussieht. Entscheidend ist, dass weitergebaut wird und alle wissen, was dort entstehen soll. 

Wenn ihr also gerade auf die perfekte Lösung wartet, stellt euch eine ehrliche Frage: Wartet ihr wirklich auf Qualität? Oder nur darauf, dass irgendwann jemand anderes die Entscheidung trifft? 

Was wäre der nächste sinnvolle Schritt? Nicht der größte. Nicht der beeindruckendste. 

Der nächste. 

Und dann fangt endlich an. 

Wie viel Perfektion steht euch gerade im Weg? 

Schreibt mir. Ich will es wirklich wissen. 

Unsere heutige Kolumnistin
Silvia Talmon

Executive Creative Director |  The Retail Experience GmbH

Silvia Talmon ist Geschäftsführerin der Retail Experience GmbH. Sie gründete 2004 zunächst das Designbüro THE STORE DESIGNERS mit den Schwerpunkten Retail-Beratung, Retail-Design und Architektur sowie Retail-Digital. 2014 folgte die Gründung von THE RETAIL ACADEMY als freie Bildungsinstitution mit den Schwerpunkten Retail-Beratung und -Weiterbildung. Die mittlerweile fusionierten Produktmarken, unter dem Dach von The Retail Experience GmbH, betreuen Kunden wie Bayer 04 Leverkusen, REWE Group, Hugo Boss, Douglas, IKEA und Porsche.

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